Personifizierte Führung war lange notwendig und legitim. Die Frage ist nicht, ob Führung wichtig ist – sondern in welcher Form sie heute noch wirkt.
Personifizierte Führung war lange notwendig – und gerade deshalb von hoher Bedeutung.
Wer sie beherrschte, wurde belohnt: mit Status, Anerkennung und Einfluss. Das war legitim. Daran ist nichts zu bemängeln.
Die Frage ist nicht, ob Führung wichtig war oder ist. Die Frage ist, in welcher Form sie heute noch zweckdienlich ist.
Im Wissenszeitalter, in komplexen und dynamischen Umfeldern, stößt personifizierte Führung zunehmend an ihre Grenzen. Eine einzelne Person kann weder alle relevanten Probleme überblicken noch Lösungen sinnvoll orchestrieren – schon gar nicht dort, wo Wissen, Information und Kompetenz breit verteilt sind. In vielen Organisationen wissen Mitarbeitende heute mehr als ihre formalen Vorgesetzten.
Und dennoch halten wir an Führung als Person fest. Oft weniger aus Wirksamkeit als aus Gewohnheit.
So wird Führung zur Projektionsfläche: Sie entlastet andere von Verantwortung, statt Orientierung zu schaffen. Der Titel ersetzt das Handeln. Die Rolle beginnt, sich selbst zu rechtfertigen.
Das ist kein moralischer Vorwurf. Es ist eine funktionale Beobachtung.
Denn Probleme sind komplexer geworden, technologische Entwicklungen schneller, Zusammenhänge unübersichtlicher. Unter diesen Bedingungen wird Führung als einzelne, verkörperte Instanz nicht nur wirkungslos – sie kann sogar kontraproduktiv sein. Sie stabilisiert Verantwortungsverschiebung, wo eigentlich Verantwortungsübernahme gefragt wäre.
Das heißt nicht, dass Führung verschwindet. Sie kann nicht verschwinden, solange Zusammenarbeit existiert.
Aber sie verändert ihren Ort. Führung entsteht dort, wo gehandelt wird. Wo Verantwortung übernommen und zu einem Ziel oder einer Lösung dienend geteilt wird. Wo Zusammenarbeit tatsächlich zum Unternehmenszweck beiträgt.
Vielleicht ist daher nicht die entscheidende Frage, wer führt. Sondern: Dient die Personifizierung von Führung heute noch dem Unternehmenszweck – oder hält sie vor allem ein Bild aufrecht, das uns von Verantwortung entlastet?
Herzlichst,
Ilker

