
Am 1. Mai war in DLF-Essay und Diskurs ein sehr interessantes Essay von Prof. Stefan Kühl. Das Transkript des Essays ist auch auf der Webseite des DLFs zu haben. Kühl hat einen nüchternen Essay über Führung geschrieben. Wer über Führung schreibt, landet meistens bei Handlungsempfehlungen oder bei Zeitdiagnose mit Pathos. Kühl tut keines von beidem. Er beschreibt, wie Führung als situatives Phänomen entsteht, warum der Diskurs darum so inflationär geworden ist, und warum das Pendel zwischen Formalität und Informalität immer weiter schwingt, mit neuen Adjektiven vor dem Wort Führung, gelegentlich auch mit einem „post-“ davor. Der Essay beschreibt und berührt vieles, was gerade in Sachen Führung im Diskurs ist. Er hat Erkenntnisqualität. Meiner Einschätzung nach hört der Text dort auf, wo die eigentliche Frage beginnt. Gut, ich bin ja auch „biased“, denn ich habe gerade mein Buch zu einer Organisationstheorie zu Ende geschrieben. Besser gesagt: auch eine Organisationstheorie…
Kühls Minimaldefinition über Führung: „Führung ist akzeptierte Einflussnahme in Momenten der Unsicherheit“, findet bei mir hohe Resonanz, da es sich um Handlungen handelt, die in dem Moment getätigt werden und notwendig sind, um voranzukommen. Diese Definition hält fest, was Führung ist, bevor sie institutionalisiert wird: ein situatives Phänomen, das nicht zwingend an eine Rolle oder eine Person gebunden ist, weil eine andere Person in einem anderen unsicheren Moment ebenso in Führung gehen kann. Wer in einer unklaren Situation vorausgeht, die Situation definiert und andere dazu bringt, ihr zu folgen, führt. Wer das tut, kann morgen ein anderer sein. Führung ist labil.
Was diese Definition offen lässt, ist die Frage: Warum produzieren bestimmte Organisationen strukturell immer wieder ähnliche, ja nahezu vorhersagbare Führungsphänomene? Kühls soziologische Beschreibung erklärt, was Führung ist, wenn sie entsteht. Sie erklärt nicht, warum Organisationen bestimmte Formen von Führung systematisch eher begünstigen und andere systematisch verhindern.
Kühls Unterscheidung zwischen Modell F, Führung über Formalität und Weisung, und Modell I, Führung über Informalität und Charisma, beschreibt den Managementdiskurs korrekt. Das Pendel schwingt zwischen diesen Polen, seit über Organisationen nachgedacht wird. Was die Unterscheidung nicht erfasst: Beide Modelle operieren auf der Ebene der sichtbaren Struktur. Beide lassen unberührt, was darunter liegt. Entscheidungsprämissen sind die strukturellen Vorentscheidungen, die bestimmen, welches Verhalten in einer Organisation rational ist, wessen Urteil zählt, was als Erfolg gilt, wie Verantwortung und Autorität verteilt sind. Sie sind in Anreizstrukturen, Entscheidungsrechten und Kommunikationswegen kodiert. Sie regieren das Verhalten zuverlässiger als jede Führungsperson und jede Führungsphilosophie. Wer Modell F durch Modell I ersetzt, ohne die Prämissen darunter zu ändern, erzeugt neues Vokabular über unveränderter Struktur. Das Pendel schwingt weiter. Ich denke, dass sich die Bezeichnungen I und F für Führung von den anderen, wie charismatische, situative, empathische, dienende, authentische… Führung kaum unterscheiden und auch nicht wirklich hilfreich sind. (Nota bene: Am ersten Tag meiner Leadership Workshops listen die Teilnehmenden die „Führungsstile“ auf und — zu deren Verwunderung — streiche ich die ganze Liste mit einem dicken roten Marker durch, was zu Verwirrung und Unverständnis an dem Tag führt. Am 2. und 3. Tag löst sich die Verwirrung auf und lässt den Platz für Klarheit und Erkenntnis darüber, dass Führung am Ende ein Phänomen ist und eigentlich keine Adjektive braucht. Ja sogar, dass sie zu eng bleiben und eigentlich der Sache keinen Beitrag leisten, außer dass eine neue Beraternische zum Verkauf von neuen Führungsstilen eröffnet.)
Das Paradox, das Kühl beschreibt, ist real: Je lauter Organisationen Selbstorganisation beschwören, desto stärker verlangt der Diskurs nach der großen Gestalt. Er erklärt es damit, dass die Abwesenheit formaler Hierarchie ein Vakuum schafft, das Charismatikerinnen und Charismatiker füllen. Das ist empirisch beobachtbar. Die tiefere Erklärung liegt woanders. Wenn Selbstorganisation als Strukturreduktion eingeführt wird, Hierarchieebenen werden entfernt, Verantwortung wird verschoben, die Sprache wird geändert, ohne dass die Entscheidungsprämissen darunter revidiert werden, entsteht keine Selbstorganisation. Es entsteht Ambiguität ohne Orientierung. Diese Ambiguität ist der strukturelle Nährboden für charismatische und heroische Führung und für diejenigen, die immer davon geträumt haben, bewusst oder unbewusst, eine besondere Führung zeigen zu müssen, die von sich mehr überzeugt sind als die Wirklichkeit es rechtfertigt. Nicht weil Menschen Helden brauchen, sondern weil ein System, das seine Prämissen unverändert lässt und trotzdem seine Oberfläche verändert und Struktur abbaut, Leerstellen produziert, die irgendwie gefüllt werden. Selbstorganisation und die Sehnsucht nach dem Charismatiker sind keine Gegensätze. Sie sind strukturell verwandt, solange die Prämissen unberührt bleiben.
Was folgt daraus für eine Theorie der Organisation? In Reflexiv-Viable Organisationen™ (2026) habe ich eine Position entwickelt, die nicht bei Führungsverhalten ansetzt, sondern bei den Prämissen, die bestimmen, welches Verhalten in einer Organisation rational ist. Prämissen sind keine Regeln. Sie sind die strukturellen Vorentscheidungen, durch die eine Organisation konstruiert, was sie als Erfolg sieht, als Risiko behandelt und als Realität akzeptiert. Sie sind selbst Konstruktionen. Wer diese Konstruktionen nicht sichtbar macht und sie als solche von Realität unterscheidet, kann sie nicht revidieren. Wer sie nicht revidieren kann, reproduziert das System, das sie erzeugt hat, unabhängig davon, welches Führungskonzept gerade gilt.
Führung in meinem Verständnis ist Bedingungsgestaltung. Nicht die Gestaltung von Verhalten, nicht die Gestaltung von Kultur, sondern die Gestaltung der strukturellen Bedingungen, unter denen Prämissen sichtbar, testbar und revidierbar werden und dem Zwecke dienen, dass die Mitarbeitenden ihre Arbeit verrichten können. Diese Form von Führung ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Sie ist eine strukturelle Funktion. Heroisches Handeln ist in einer Organisation, die auf dieser Grundlage aufgebaut ist, schlicht überflüssig und für heroische Allüren eher unmusikalisch. Ein System, das kein Machtvakuum erzeugt, braucht keine Helden, um es zu füllen.
Was Kühl beschreibt, bleibt auf der Ebene, auf der Führungsphänomene sichtbar werden. Die Frage, welche strukturellen Bedingungen diese Phänomene erzeugen oder verhindern, stellt er nicht.
Eine letzte Bemerkung: Niklas Luhmann hat geschrieben, dass „Organisation empfindlich gegen eine Theorie ist, die ihre Wertmerkmale inflationiert — um sie dann mit aufgeblähten Erwartungen im Stich zu lassen.“¹ Auch dieser Text erzeugt Erwartungen. Wer nach dem neuen Modell sucht, das endlich alles löst, hat den falschen Text gelesen. Prämissen sichtbar zu machen ist kein Programm. Es ist die Bedingung, unter der eine Organisation überhaupt entscheiden kann, was sie verändern will und was nicht.
¹ Niklas Luhmann, Organisation und Entscheidung, Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge, G232, S. 71



Warum schlechte Governance-Logik nicht scheitert — sondern sich reproduziert.
Personifizierte Führung war lange notwendig und legitim. Die Frage ist nicht, ob Führung wichtig ist – sondern in welcher Form sie heute noch wirkt.